Trackliste:
1. Good Girl, 2. Blown Away, 3. Two Black Cadillacs, 4. See You Again, 5. Do You Think About Me, 6. Forever Changed, 7. Nobody Ever Told You, 8. One Way Ticket, 9. Thank God For Hometowns, 10. Good In Goodbye, 11. Leave Love Alone, 12. Cupid´s Got A Shotgun, 13. Wine After Whiskey, 14. Who Are You
Mittlerweile ist es nun auch in meinem Briefkasten und schließlich in meinem CD-Player gelandet: Das vierte Album der blonden Südstaatenschönheit Carrie Underwood. An dem Cover ist bereits zu erkennen, dass das ursprüngliche Countrygirl aus Checotah (Oklahoma) optisch zu einer Diva mutiert ist – oder von der Musikindustrie dazu mutiert wurde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Carrie Underwood, die Gewinnerin der vierten Staffel von „American Idol“, sich musikalisch immer mehr einer Mariah Carey, einer Beyonce oder einer Christina Aguilera annähert. Reine Country-Puristen können im Grunde deshalb jetzt auch aufhören, diese Rezension weiterzulesen oder sich mit dem Album zu beschäftigen – sie werden mit dem Album kaum etwas anfangen können. Auch ich muss gestehen: Ich fand das Album beim ersten Hören schrecklich, Carrie Underwoods Stimme an vielen Stellen einfach zu laut und zu nervig. Aber im Grunde schwebte im Hintergrund immer die Frage mit: Was hat die Leute nur dazu bewegt, dieses Album zu kaufen? Denn sehr schnell ist „Blown Away“ auf den ersten Platz der Country-Album-Charts geschossen. Also war klar, der Wunsch, sich damit dennoch auseinanderzusetzen, war da.
Das Album beginnt mit dem rockigen „Good Girl“, das bereits vorab als Single ausgekoppelt worden war. Das gute Mädchen, das an den falschen Typen gerät. Sie erkennt diese Tatsache bzw. will diese Tatsache nicht erkennen. Ein wesentlich ernsteres Thema greift der Titelsong des Albums auf: Es geht um Missbrauch. Die Tochter, die sich selbst in den Keller einsperrt, um vor ihrem Vater zu flüchten und in Sicherheit zu bringen. Es gibt nicht genug Wind, um die Sünden aus dem Haus zu fegen. Dazu passt auch das bombastisch angelegte Arrangement und das eher düster gehaltene Booklet der CD. Gut, musikalisch ist das kein Country. Auch nicht der nachfolgende Titel „Two Black Cadillacs“. Aber es sind die Geschichten, die nur so in der Countrymusik erzählt werden können. Zwei schwarze Cadillacs, in der einen die Ehefrau des Toten und in der anderen die Geliebte, fahren zur Beerdigung. Der Priester und der Bruder des Toten sprechen davon, was für ein guter Mensch er doch gewesen sei. Aber die Frauen wissen es besser und anscheinend sind sie es, die diesen Mann, der beide betrogen hat, um die Ecke gebracht haben. Leider fehlt der Geschichte hier allerdings etwas der ironische Untertan, den man eigentlich jetzt erwarten würde. Zu ernst, im R ´n´ B-Stil interpretiert Underwood den Song. Auch im nächsten Song, „See You Again“, bleibt Carrie Underwood im R ´n´B. Allerdings kommt dieser Titel etwas glaubwürdiger herüber und wenn man sich auf den Text einlässt, verleiht er einem auch das nötige Gänsehautgefühl. Es geht um die Verarbeitung des Todes eines geliebten Menschen. Hinter all dieser Traurigkeit zeigt sich im Chorus doch eine gewisse Hoffnung und Fröhlichkeit, denn dort wo das Wasser den Himmel trifft, sieht man sich wieder. Mit „Do You Think About Me“ beginnt nun endlich der Countryteil – Mandoline, das Akkordeon und die Akustikgitarre sorgen für eine etwas wärmere Grundstimmung im Vergleich zu den vorhergehenden Songs im eher kalten R ´n´ B-Arrangement. „Forever Changed“ ist eine Ballade über die Momente im Leben, die alles verändern. Für mich der schönste Song des Albums, wo Carrie Underwood zeigt, dass sie zu den besten Sängerinnen durchaus zu zählen ist. In „Nobody Ever Told You“ mischen sich musikalisch Countryelemente mit fröhlich afrikanischen Stilelementen. Niemand wird dir sagen, wie wundervoll du bist. Also wasch das Make-up ab, wirf all die Magazine weg und schalt den Fernseher aus. Du strahlst wie ein Diamant, aber das wir dir keiner sagen. Die Botschaft des Songs: Feiere dein Leben! Mark Bright, der erneut das Album produziert hat, und Carrie Underwood spielen mit den unterschiedlichen Stilelementen. Denn es geht weiter im fröhlichen Raggaesound. Mal eine Pause vom Alltag zu machen, sich ein One-Way-Ticket in die Karibik zu kaufen und das Leben am Strand und in der Sonne zu genießen. Der Song ist ein musikalischer Urlaub im Stil eines Kenny Chesney-Titels. „Thank God For Hometowns“ ist ein Loblied auf die Heimatstadt, wo du immer wieder zurückkehren kannst, wo du die Liebe bekommst, wenn du in dieser verrückten Welt verloren gegangen bist. Und da findet sich die Countrymusik wieder, die die Gefühle des Zuhörers anspricht. Es sind die Songs, wo sich jeder wiederfindet, weil die Themen alltagsbezogen sind. „Good In Goodbye“ haben Carrie Underwood und ihre Co-Autorin Hillary Lindsey zusammen mit Ryan Tedder von OneRepublic geschrieben. Manchmal ist es gut, Abschied zu nehmen. Wie schwer auch die erste Zeit nach einer Trennung war. Irgendwann erkennt man, dass es manchmal auch etwas Gutes in Trennungen geben kann. Mit „Leave Love Alone“ gibt es dann wieder etwas mehr Country – erneut aber mit einem Hauch R ´n´B. Bei „Cupid´s Got A Shotgun“, einem rockigen Countrysong, drückt Brad Paisley an der Gitarre dem Song seinen Stempel auf – auch mit einem kleinen Gitarrensolo. Wieder ruhiger wird es mit „Wine After Whiskey“ – hier setzt dann auch die Steel Guitar ein. Ein Titel, mit dem Carrie Underwood anscheinend zur Diva hingebügelt werden soll, ist „Who Are You“, geschrieben von R. J. „Mutt“ Lange.
Carrie Underwood, die an den meisten der 14 Songs des Albums mitgeschrieben hat, gehört zweifelsohne in die Riege großer Sängerinnen aus dem Popbereich. Das Album selbst hat durchaus große Momente, stellenweise aber auch die ein oder andere Schwäche. Nach mehrfachem Hören entdeckt man zwar die musikalischen und inhaltlichen Highlights, doch etwas weniger Diva, dafür mehr Countrygirl wäre bestimmt besser gewesen.
Andreas Hilgart (country.andy@gmx.net